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Die Villa Lemm trägt Halbmast

 

Mit Ausnahme des legendären Blocks 34 haben sich GSU-Angehörige kaum mit einem Wachobjekt so sehr identifiziert, wie mit der Villa Lemm, die nach dem Zweiten Weltkrieg Dienstsitz des britischen Stadtkommandanten war.

Seit 1993 war die Villa im Besitz des Unternehmers Hartwig Piepenbrock, der Millionen investierte und die Residenz wieder in voller Pracht erschienen ließ, da das Grundstück samt Gebäude nach dem Abzug der britischen Streitkräfte kaum genutzt wurde und förmlich brach lag. Piepenbrock liebte Berlin und war geprägt von einer großen Leidenschaft für Architektur und Kunst. Letzteres brachte ihm, der durch Stiftungen immer wieder Berliner Projekte förderte, den Ehrendoktortitel und den Landesverdienstorden ein. Seiner Leidenschaft war es zu verdanken, dass er sich die Villa Lemm als Alterssitz aussuchte und hier seine letzten Jahre verbrachte. Nun ist der Unternehmer im Alter von 76 Jahren gestorben.

Von Beginn an war die Geschichte der Hausherren interessant und vielschichtig. Der Berliner Schuhcreme-Fabrikant Otto Lemm (1867-1920), Inhaber der Charlottenburger Firma Urban & Lemm, ließ sich die Prachtvilla 1907 am Rothenbücherweg in Berlin-Gatow von dem damals sehr bekannten Architekten Max Werner (1877-1933) erbauen. Werner arbeitete für die bekannte Spandauer Baufirma Paul Florian und investierte eine einjährige Bauphase. Vor genau Hundert Jahren, also 1913, wurde das Grundstück um weitere Komplexe, u. a. das den einstigen GSU-Guards bekannte Bootshaus, erweitert.

1920 starb Lemm im Alter von nur 53 Jahren. Sein Architekt und Freund Max Werner schuf ihm ein eigenes Mausoleum auf dem Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Friedhof in Charlottenburg. Ein Abbild der Villa Lemm ist seit dem im Innenbereich des Grabmals als Mosaik verewigt.

 

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Grabmal des ersten Hausherren Otto Lemm (1867-1920)

 

Im November 1928 verkaufte die Witwe Clara Lemm das Grundstück an den ungarischen Pathologen und Physiologen Dr. Janos Plesch (1878-1957), der zu jener Zeit als Professor für innere Medizin lehrte. Durch den großen Freundeskreis des Arztes, erlangte die Villa einen hohen Bekanntheitsgrad. Auch Albert Einstein (1879-1955), ein langjähriger Freund und Patient von Plesch, war oft Gast in der Villa, u. a., um in dem zeitgenössischen Pavillon zu musizieren.

 

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Hausherr von 1928 bis 1933: Janos Plesch

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Plesch (li.) mit seinem Freund Albert Einstein

 

Mit der Machtergreifung Hitlers emigrierte der jüdische Mediziner mit seiner Familie 1933 nach England. Dort war er weiter als Arzt und erfolgreicher Herzspezialist tätig, nachdem er 1934 seine englische Approbation erlangte. 1949 zog er sich aus dem Berufsleben zurück und übersiedelte in die Schweiz. Acht Jahre später starb Plesch im Alter von 78 Jahren.

Der Bankier Hans Seligmann, ein Neffe von Pleschs´Frau, bezog nach dessen Flucht 1933 mit seiner Familie die Villa Lemm, die wiederum mit Kriegsbeginn 1939 vom Nazi-Regime enteignet und als Sitz des Spandauer Bezirksbürgermeisters genutzt wurde. 

Mit Ende des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmte die britische Militärregierung das Anwesen. Bereits im Juli 1945 bezog der erste Stadtkommandant Lewis Lyne die Villa Lemm, die zum offiziellen Amtssitz des kommandierenden Generals der britischen Streitkräfte in Berlin erklärt wurde. Bis zum Abzug der Alliierten folgten Lyne bis Oktober 1990 noch insgesamt 20 Stadtkommandanten als Hausherren der Villa Lemm.

 

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Seit 1907 ein Berliner Schmuckstück: Die Villa Lemm

 

In den 1970er Jahren übernahm die damalige German Service Unit den Schutz des Objektes und der Familie des Generals, einschließlich des Stadtkommandanten selbst, wenn sie sich auf dem Gelände aufhielt. Es gehörte auch zur Tradition, dass die Mitglieder der königlichen Familie während ihrer Berlin-Reisen in der Residenz wohnten. Unzählige Erinnerungen und beeindruckende Erlebnisse sind somit seitens der ehemaligen GSU-Angehörigen mit der Villa Lemm verbunden.

Mit der deutschen Wiedervereinigung und dem Abzug der Alliierten, verließ am 2. Oktober 1990 mit Robert J. S. Corbett der letzte britische Stadtkommandant die Villa Lemm. Mit einer Ehrenformation der GSU, geführt von Staff Superintendent Wolfgang Schiller, verabschiedete sie den damals 50jährigen Generalmajor und dessen Familie.

1990 wurde das Anwesen zunächst an die Familie des 1957 verstorbenen Arztes Janos Plesch wieder übereignet. Im selben Jahr erwarb das Land Berlin die Villa durch Kauf und führte umfangreiche Renovierungsmaßnahmen durch. 

Das wiedervereinigte Deutschland ließ durch den Bund zunächst eine Verwendung der Villa Lemm als Wohnsitz des Bundeskanzlers prüfen, was letztlich an Sicherheitsbedenken des Bundeskriminalamtes scheiterte. 

1993 kaufte Hartwig Piepenbrock die an der Havel gelegene Villa samt Grundstück (24000 m²) für 11 Millionen DM. Wegen eigener Planungen, ließ Piepenbrock von den Briten veranlasste Baumaßnahmen wieder rückgängig machen. So verschwanden während umfangreicher Sanierungsarbeiten zwischen 1995 und 1998 auch Swimmingpool und Tennisplatz.

 

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Starb in der Villa Lemm: Hartwig Piepenbrock (1937-2013)

 

Mit besonderem Stolz blickten Spandauer Bürgermeister auch nach dem Abzug der Alliierten zur Villa Lemm. Zwar hatte der Bezirk keine Botschaft und kein Konsulat nach der Wiedervereinigung bei sich beheimaten können, jedoch wurde Piepenbrock zum Honorarkonsul der Bahamas ernannt und war zuständig für den gesamten nord- und ostdeutschen Raum, da die Inselgruppe keine offizielle Vertretung in Deutschland unterhielt.

Mit dem Tod des 76jährigen Unternehmers, der seit Jahren an der Alzheimerkrankheit litt und mit seiner Frau Maria zurückgezogen in der Villa Lemm lebte, geht die Geschichte weiter. Zurzeit bleibt die alte Villa im Familienbesitz. Ein Verkauf sei aber – so Medienberichte – nicht ausgeschlossen.

Auch als Kameradschaft werden wir den weiteren Verlauf im Blick behalten und ein Stück Geschichte mit begleiten.

 

Die Kameradschaft 248 German Security Unit e. V. ist seit August 2013 Vollmitglied der Royal Military Police Association und der einzige Verein, der seitens der britischen Militärpolizei als Repräsentant der ehemaligen German Security Unit und für deren geschichtliche Darstellung anerkannt wird.